Haben wir vergessen, wie Leben geht?

                      

„... In Bethlehem wurden die Weihnachtsfeiern von der Stadt abgesagt. Es gibt zu viel Verzweiflung. Hass und Unverständnis zwischen beiden Völkern erhöhen sich jeden Tag ....“

(Auszug aus - Düstere Zeiten - FALTER.maily#1257 von Raimund Löw – 4.12.23)

 

 

 

Es ist etwas global entgleist, und wir wissen nicht, ob und inwieweit diese Entgleisung noch rückgängig zu machen ist. – Jochen Kirchhoff

 

 

Menschliche Nöte

Märchen fangen mit „Es war einmal...“ an. Menschliche Nöte und Probleme stehen am Anfang, sie müssen überwunden werden. Oft begibt sich der Held oder die Heldin auf eine Reise, bei der er meistens drei Aufgaben bewältigen oder Prüfungen bestehen muss, für die er oder sie am Ende eine Belohnung erhält. Dabei stehen ihm wundersame Wesen und Kräfte als Helfer zur Seite. Am Ende werden die Bösen bestraft und die Guten siegen. Die Guten sind meist die Kleinen, Jüngsten oder Armen, die aber Gutes tun, anderen helfen und großzügig sind. Sie erreichen schließlich Glück und Wohlstand. Das Wundersame spielt eine wichtige Rolle und wird als selbstverständlich und natürlich hingenommen. 

 

Also. Es war einmal ein kleines Virus. Dieses Virus war von uralter adeliger Abstammung. Man nannte es Corona. Im Jahre 2020 begannen die Menschen sich vor Corona zu ängstigen, denn es wurde die Nachricht verbreitet, das Virus sei furchtbar böse. Seinetwegen müsste die Menschheit grausam sterben. In der Bevölkerung brodelte es. Das Königshaus musste rasch handeln. Panik breitete sich aus. Herrschende vieler Länder kamen zusammen und hielten Rat. Die meisten Regenten kamen überein, es wäre wohl das Beste, in der Bevölkerung Krisenstimmung zu verbreiten. Sie wussten, mit verängstigten Untertanen lässt sich autoritäre Politik problemlos durchsetzen. Und so beschlossen sie, ihre Untertanen zu spalten - in die Guten und in die Bösen. Man würde die Guten belohnen und die Bösen bestrafen. 

 

Das Volk geriet immer mehr in Aufruhr. Das Chaos war perfekt. Niemand wusste mehr - wo ist oben, wo ist unten. Niemand wusste mehr - was ist richtig, was ist falsch. Sogar die Wissenschaft war zeitweise im Blindflug unterwegs. Besonders schlimm war, dass die Ärzteschaft ebenfalls verängstigt war und den Menschen nicht helfen konnte. Es gab Intrigen und massenweise Falschinformationen. Statistiker, Simulationsexperten und Datenanalysten hatten das Sagen. In diesem Durcheinander passierte etwas Tragisches. Die Menschen verwechselten Corona mit Ebola. Und so trug es sich zu, dass die Regenten dem leidgeplagten Volk ein Rettungsangebot machten. Corona war omnipräsent. Darum erklärten sie Corona den Krieg. Ob dies irrtümlich oder absichtlich so geschehen ist, darüber wird heute noch gestritten. 

 

Eine düstere Zeit brach an. Zwei Jahre lang wütete ein erbitterter Gesundheitskrieg im kleinen, sonst so friedlichen Königreich. Danach wurden ganz viele Menschen krank. Für die Krankheit wurde ein eigener Name erfunden. Besonders schlecht erging es den Alten, den Armen und den Kindern.

 

Märchen gehen gut aus. Diese Geschichte leider nicht. Es fehlte das Wundersame.

 

Wie der Krisen-Jargon von der Realität ablenkt

Ich bezweifle, dass wir die Probleme verstanden haben, die uns in der Coronakrise so zugesetzt haben. Haben wir uns denn weiterentwickelt? Haben wir robuste Lehren für die Zukunft ziehen können?

 

Corona hat uns als Gesellschaft in eine tiefgehende Spaltung geführt. Und doch sind es bloß Etiketten, an denen wir uns jetzt abarbeiten, denn eine Aufarbeitung, die diesen Namen verdient, findet nicht statt. Die wirklichen Probleme werden nicht angefasst. 2020 sollte ein Virus ausgerottet werden. Besagtes Virus ist immer noch da, bzw., je nach Lesart, wieder da. Aber jetzt haben wir zusätzlich neue Sorgen. Es geht um „Klimaneutralität“, darum wird jetzt gerade heftig gestritten und 2024 erwarten wir nach einem harten Kriegswinter einen „Siegfrieden“ gegen Russland. 

 

Der neue Krieg in Nahost bringt weitere zusätzliche Spaltungslinien hervor. Seit dem 7. Oktober wird jede kritische Äußerung an der Kriegsführung Israels in Gaza noch vehementer als schon zuvor mit dem Etikett des „Antisemitismus“ belegt, was schwer wiegt und eine sachliche Diskussion erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht. Unter dem harmlos klingenden Label „Zeitenwende“ wird eine massive Militarisierung der Gesellschaft auf allen Ebenen betrieben, in der Sprache ebenso wie in der ungeheuren Aufrüstung und dem immer stärker auch öffentlich ausgedrückten Großmachtstreben bestimmter Länder. 

 

Das Fest der Liebe und des Friedens naht, gleichzeitig werden Menschen mit Raketen beschossen, in der Ukraine, in Russland und in Nahost. Trotzdem ist alles quasi normal. Bei uns. Das Weihnachtsgeschäft floriert, der Handel jubiliert, die Paketzusteller sind heillos überlastet und die Wintertourismusorte freuen sich über die vollen Terminbücher. Ungestüme Kauflust vertreibt die trüben Gedanken. Ja.  Die „Kleinen“ können sich auf die Ablenkungsgeschenke der „Großen“ verlassen! Während sie friedlich miteinander shoppen, ereignet sich ein kurzer Moment der Innenschau:

 

Unbehagen will auf einmal hochkriechen. "Was kommt auf uns zu? Wird es mir und meiner Familie auch morgen noch gut gehen?"  Sorgen drängen ins Bewusstsein und Ängste. Diffuse Abstiegsängste lauern in allen dunklen Ecken. Ängste vor Arbeitslosigkeit, vor Teuerung, vor gesundheitlichen Risiken, vor unkontrollierbarer Migration und vor Krieg. 

 

Bitte keinen Beziehungskitsch!

Natürlich kann man sich aufs Christkind freuen, auf das Zusammensein mit den Lieben, auf wohltuende Aktivitäten, auf die Lichter, auf die Geschenke, auf die strahlenden Kinderaugen. Ja. Das soll so sein. 

 

Trotzdem muss man fragen. Warum gibt es heute wieder Menschen, die militärische Gewalt für alternativlos halten? Wie ist das möglich, angesichts der bitteren Erfahrungen aus zwei verheerenden Weltkriegen? Trotzdem muss ich fragen. Ich bin gefragt. Denn, was soll ich antworten, wenn mein Enkel mich in ein paar Jahren fragen wird: Oma, warum hast du denn nichts gesagt? Warum hast du nichts gemacht? Du hast doch gesehen, was los ist. Ja, genau deswegen bin ich in der Pflicht. Das Wenigste, das ich tun kann, ist, gegen den Wahnsinn anzuschreiben. Und offene Worte zu finden. Denn das, was unser Leben und unser Wohlergehen bedroht, ist näher gerückt. Unter Berücksichtigung der heutigen Reichweite von Waffensystemen lauert der Krieg vor unserer Haustür. 

 

Ich fühle Wut und Trauer.

 

Ich denke, wir haben zu wenig Mut für eine neue Blickrichtung, zu wenig Interesse für das Inwendige. Für unser Innenleben. Es bräuchte einen beherzten und realistischen Blick auf den Zustand der menschlichen Psyche, auf unsere unbewussten Notzustände. Will man die Ursachenspur für die neue „Kriegslust“ im Außen suchen, landet man nämlich zuverlässig in einer Sackgasse.

 

Die Frage ist doch:

WARUM tun sich Menschen gegenseitig brutalste Gewalt und unerträgliches Leid an? Warum töten Menschen andere Menschen? Warum begehen sie Greueltaten, warum sind sie nicht in der Lage, humanitäre Katastrophen abzuwenden?  

 

Meine Antwort ist: Unmenschliches passiert immer aus Not. Wer Ideen, Konzepte und Ideologien existentiell braucht und daran sich selbst und die Welt festmacht, MUSS andere ausschließen und "vernichten", die nicht an dieser "alternativlosen Verkopftheit" teilnehmen. Nur schwer gestörte Menschen mit Entwicklungstrauma interagieren so mit der Welt. Warum? Weil Konzepte und Ideologien als Schutz vor Kontakt dienen und nichts mit unseren essentiellen Bedürfnissen zu tun haben! 

 

Natürlich fällt Friedensfähigkeit nicht vom Himmel und Gewaltbereitschaft steigt nicht aus der Hölle empor. Beide Phänomene sind menschengemacht. Wir alle sind verantwortlich. Jeder Mensch muss sich der eigenen Verantwortung für den Frieden stellen, in seinem ganz persönlichen Leben. 

 

Aus eigener Erfahrung und aus der therapeutischen Arbeit mit meinen Klienten habe ich gelernt, dass man in die ganz frühe Lebensgeschichte zurückblicken muss, um die aktuellen Konflikte eines Menschen einordnen und verstehen zu können.

     

Der Begründer der Psychohistorie, Lloyd deMause, hat die Wahrnehmung dafür geöffnet, dass die „Geschichte der Kindheit ein Albtraum“ ist, aus dem wir gerade erst erwachen. Der „Albtraum der Geschichte“ (James Joyce) wiederum ist die Reinszenierung dieses Albtraums auf gesellschaftlicher Ebene. Dieser Zusammenhang zwischen frühkindlichen, insbesondere vorsprachlichen Erfahrungen sowie den Lebensgestaltungen der Erwachsenen auf der gesellschaftlichen Ebene ist ein Kernelement der beobachtbaren Dynamik.

 

Wenn wir das tun, wenn wir zurückblicken, dann landen wir auf einmal bei Mythen und Märchen. Und sind überrascht. Nur selten wurde uns die Wahrheit gesagt über unser Entstehen, über unseren Start ins Leben und die Zeit danach. „Du warst unser Wunschkind!“ ist eine beliebte Notlüge von unreifen Eltern, von Eltern, die nicht so recht wissen, was Liebe eigentlich ist. Was viele von uns einst mitbekommen haben, ist leider auch heute noch die übliche Mitgift für ein Baby: eine eher bescheidene Portion Elternliebe, dafür eine beachtliche Portion Trauma-Energie. Traumatisierte Eltern erzeugen bei ihrem Kind Liebesillusionen. Wer kennt sie nicht, die subtilen und die offenen Liebeserpressungen: „Wir lieben dich mein Kind, aber nur, wenn du so bist, wie wir dich haben wollen. Wir lieben dich, wenn du das tust, was wir für richtig halten. Sei gehorsam! Sei immer für uns da!"


Frühkindlicher Liebesmangel hat schwerwiegende Folgen. Liebesdefizite und eine unsichere Elternbindung wirken sich nämlich auf das gesamte Erwachsenenleben aus. Manchmal sind die erlittenen Schädigungen so schlimm, dass ich als Therapeutin sagen muss: Es gibt Menschen, die sind nicht beziehungsfähig. Das ist extrem verstörend und schmerzhaft. Es schreit nach Kompensation, nach erlösender Rettung und - in der unausgeleuchteten Tiefe der Psyche - nach Rache. 

 

Friedensfähigkeit setzt meiner Ansicht nach Liebesfähigkeit voraus. Mit Liebesfähigkeit meine ich, man muss einen gesunden Umgang mit seinen Gefühlen, Ängsten und schmerzlichen Erinnerungen pflegen können. Gelingt das nicht, kann sich auch das Mitgefühl für ein Du nicht gesund entwickeln. Empathie ist dann nur in einer verkümmerten Form lebbar. Früh erlittene psychische Wunden belasten nicht nur das Beziehungsgefüge des Einzelnen, sie traumatisieren den ganzen Menschen und erzeugen in der Folge ein verletztes Ich-Du-Gebilde, ein verwundetes Wir, und im Großen eine schwer traumatisierte Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft kompensiert erlittene Demütigungen durch Ersatzhandlungen, um nicht spüren und fühlen zu müssen, wie tief vergangenes Leid sich immer noch ins eigene Innere bohrt. Lösungen für ein inneres Problem werden dann - kollektiv und völlig unbewusst - ersatzweise im Außen gesucht. Das bewährte Mittel dazu ist die Spaltung. Als gesellschaftliches Spaltungsprodukt entsteht ein destruktives Duo.

 

 

Leben - was ist das? Es ist das, was nicht geht. – Ingeborg Bachmann

 

  

Die „falschen Kleinen“ und die "falschen Großen"

sind fest miteinander verschmolzen, so wie die zwei Seiten einer Medaille. Das Duo ist narzisstisch begabt, die einen im Kleinsein, die anderen im Großsein. Sie halten zusammen.

 

Die "falschen Kleinen"

Es gibt sehr viele „Kleine“. Sie sind innerlich Kinder geblieben, leben aber in einem erwachsenen Körper und folgen gern dem Mainstream. Dieser Personenkreis versucht seinen Ohnmachtsempfindungen zu entkommen, indem er sich „klein macht“. "Kleine" ordnen sich unter, sie bewundern und lieben die „Großen“. Auch wenn sie manchmal murren, sie tun, was ihnen gesagt wird. Aber sie haben auch Sorgen, sie fürchten sich vor der Zukunft. Zurecht. Die Inflation, die horrende Teuerung und reihenweise Firmenpleiten gefährden die Existenzgrundlagen von immer mehr Familien. Leider werden diese Sorgen nicht ernst genug genommen.

 

Beispiel Gesundheit. Über Arztpraxen und Kliniken schweben nicht erst seit gestern dunkle Burnout-Wolken. Und es scheint nur mehr eine Frage der Zeit zu sein, bis das Gesundheitssystem kollabiert. Eine solide Altersabsicherung, leistbare Betreuung für pflegebedürftige Angehörige sind seit langem ein ungelöstes Dauerthema. Nicht genug Geld da. Psychotherapie auf Krankenschein für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Kein Geld da. Flächendeckende Patientenversorgung im niedergelassenen Bereich. Kein Kassen-Arzt da. Wahl-Ärzte wollen Geld sehen. 

 

Aber - und das ist schon irrwitzig: Selbst heute noch empfangen viele Menschen die Corona-Impfung wie ein Sakrament. Das Anti-Covid-Impfangebot ist ein anschauliches Beispiel für ein illusionäres Rettungsversprechen an die Schar der "Kleinen". Dass die mRNA-Impfung gar nie dafür gedacht war, Erkrankung und Ansteckung zu verhindern, darüber wurde nicht aufgeklärt. Und dass das wenig erforschte Vakzin auch schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen kann, dieses Risiko wurde von vornherein heruntergespielt. Wie viel die Pharmakonzerne dabei verdient haben? Wer will das schon wissen! Und so schreitet die Barbarisierung der Gesellschaft im Interesse der Pharma-Profite fort und ohnmächtige Wut nimmt allerorten zu.

 

Was ein Blick in die USA zeigt: Seit Ausbruch der Coronakrise konnten die 34 reichsten US-Milliardäre ihr Vermögen um zig Millionen vergrößern, berichtet das Institute for Policy Studies in seinem "Billionare Bonanza Report". Acht dieser Superreichen verdienten seit 1. Jänner 2020 sogar mehr als eine Milliarde dazu. Gleichzeitig stieg die Zahl der Arbeitslosen auf 30 Millionen. 

 

Ob sie getäuscht worden sind? Nein, das glauben die "Kleinen" nicht. Die "Kleinen" sind und bleiben loyal. Warum eigentlich? Vielleicht, weil man ihnen versprochen hat, dass ihnen dann nichts Schlimmes passieren kann. Dass sie von der Regierung mit jährlichen Bonuszahlungen gerettet werden. Dass sie in diesem Land für immer gut abgesichert leben können. Und dass sie sich ganz selbstverständlich auf den Sozialstaat verlassen können. Für die "ärmeren Bevölkerungsschichten" gibt in Österreich jetzt ja Unterstützung durch den "Klimabonus",  die "Mietpreisbremse" und die "Strompreisbremse". Letztere wurde gerade erst verlängert. 

 

Die "falschen Großen"

Einige Menschen spalten auf „großartige“ Weise. Sie plustern sich auf, sie gebärden sich, als wären sie schöner, besser, klüger und wichtiger als andere Menschen, sie reißen Macht, Geld und Einfluss an sich. Beispiele für die kompensatorischen Ersatzhandlungen der „Großen“ sind leicht gefunden: In der Arbeitswelt setzen sie auf Ellbogentechnik, Konkurrenz und Ausbeutung, als Finanzjongleure zocken sie mit unseren Lebensgrundlagen, als politische Führungskräfte zetteln sie Kriege an. Ihr Handeln geht zu Lasten von Mensch, Natur und Umwelt. Dass sie bloß auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, wissen sie gut zu verschleiern, denn sie beherrschen das Kriegshandwerk der Lügenpropaganda. Als begabte Blender manipulieren sie die „Kleinen“ geschickt. Skrupellos verfolgen sie ihre Interessen, das Tricksen und Täuschen erledigen ihre Star-Anwälte, für das perfekte Framing sorgen geneigte Promis, Medien und Faktenchecking-Agenturen. Aber vor allem - und das verstecken die „großartigen Großen“ besonders gut - sie verachten die „Kleinen“ zutiefst. 

 

Diese Herrschaften sind nicht nur macht- und profitorientiert, sie sind auch gewaltbereit, wenn sie ihre Interessen nicht konfliktfrei durchsetzen können. Für ihr politisches Überleben gehen sie sprichwörtlich über Leichen. Sie müssen gewinnen. Nehmen wir als Beispiel zwei Politgrößen -Trump und Netanjahu. Die zwei verbindet nicht nur die Angst vor einer strafgerichtlichen Verurteilung, sondern auch die Ansicht, dass das palästinensische Streben nach Selbstbestimmung ein Störfaktor ist, den es zu beseitigen gilt. Solche Männer versuchen uns davon zu überzeugen, dass es legitim ist, Feinde zu bekämpfen und zu vernichten, sie zu töten - in einem "gerechten Krieg". Die Realität sieht dann so aus:

 

Israels Regierung kann sich dieser Tage nicht erklären, wie es geschehen konnte, dass Geiseln, die eine weiße Fahne schwenkten, von der israelischen Armee erschossen wurden. (derstandard.at, Zugriff 16.12.23  - Krieg in Nahost

     

"Masha Gessen, eine US-amerikanische und russische Autor:in aus einer jüdischen Familie, hat in einem Essay im New Yorker unter dem Titel "In the Shadow oft he Holocaust" nachgezeichnet, wie bombastische Erinnerung an den Holocaust in unseren Breitengraden die elementarische menschliche Solidarität, die für jüdischen Opfer sofort präsent war, gegenüber den Palästinensern blockiert. Wir erleben das auch in Österreich. Der Eifer, mit dem sich die Regierung auf die Seite der unverhältnismäßigen Vergeltungsschläge der israelischen Streitkräfte stellt, blieb bisher weitgehend unwidersprochen.

 

Studierende protestieren weltweit, in den USA und im Miniausmaß auch in Österreich, weil ihre Regierungen den israelischen Vergeltungsfeldzug unterstützen. Ja, wenn bei solchen Demonstrationen das Hamas-Pogrom des 7. Oktober geleugnet oder verharmlost wird, muss solchen Lügen entgegen getreten werden. Aber mit ihrem Protest reagieren Studierende zu Recht auf die Mitverantwortung ihrer Staaten für die antipalästinensische Gewalt, die seit mehr als zwei Monaten immer schlimmer wird.

(Auszug aus - Österreichs Versagen im Nahostkonflikt – FALTER.maily #1269 von Raimund Löw vom 18.12.23)

     

Niemand kann zum heutigen Zeitpunkt sagen, wann und wie der Feldzug enden wird. Das politische Ziel der Koalition von Premierminister Netanjahu scheint jedoch klar zu sein: In Gaza und der Westbank sollen ein für alle Mal die Ansprüche der Palästinenser auf ihre Heimat zerstört werden. Dass Israelis und Palästinenser gleichberechtigt nebeneinander leben sollen, wird auch von der Hamas abgelehnt. Lt. New York Times hat Israel innerhalb von fünf Wochen in Gaza durch schwere Bomben so viele Frauen und Kinder getötet, wie die USA in Afghanistan seit 20 Jahren. Mehr als 15.000 Tote zählt die palästinensische Gesundheitsbehörde in Gaza. Aber die Hamas kann Israel immer noch mit Raketen beschießen. Wird sie vermutlich auch tun. Was sich hier zeigt - ist blanker Irrsinn. 

 

Und was machen wir in Europa?  Gibt es denn echte Friedensinitiativen? Oder liefern wir nur Waffen für den Sieg der "Gerechten"? Schauen wir zu? Gießen wir Öl ins Feuer? Ja, ich denke, wir gießen Öl ins Feuer. Dennoch – neben den „falschen Großen“ und den „falschen Kleinen“ gibt es auch Individuen, die ziemlich okay sind, die weder manipulieren noch spalten, und die sich auch nicht von anderen spalten lassen. Das macht mir Hoffnung: In Berlin trafen sich viele Menschen zu einer Friedenskundgebung. Am 25.11. setzten 20.000 Personen ein hoffnungsvolles Zeichen. Ihre Kundgebung war von eindrucksvollen Reden geprägt, deren gemeinsamer Nenner war, sich für Diplomatie und Verhandlungen auszusprechen. Das heißt NEIN zu Waffenlieferungen. Das heißt JA zu Abrüstung und JA zu einer Politik zum Wohle der Bevölkerung. „Nie wieder Krieg!“ ist eine beachtliche Friedensinitiative. In den Medien wurde das Ereignis so gut wie totgeschwiegen. 

 

Leben statt überleben

Ich glaube,

solange nicht verstanden wird, dass die eigentliche Ursache für die gesellschaftliche Zerstörungswut nicht im Außen zu finden ist, werden wir uns im Kreis bewegen. Solange nicht verstanden wird, dass die Ursache für individuelle und strukturelle Gewalt in den Kinderzimmern zu finden ist, wird sich in den Köpfen der Menschen wenig ändern. Solange die Problematik der Frühtraumatisierung von Kindern nicht als Krisenzündstoff erkannt wird, werden menschliche Aggressionen weiterhin gefühlsblind und destruktiv ausagiert.

 

Ich vermute,

die „heutigen Großen“ sind in Wahrheit innerlich klein geblieben. Es ist ihr psychischer Kleinwuchs, der (unbewusst) Rache üben will an den bösen Eltern, Pädagogen, Lehrern und anderen Autoritäten, von denen sie einst gedemütigt worden sind.  Sie waren einmal unerwünschte, ungeschützte und ungeliebte Kinder. Ihre Traumata verursachten überwältigende Ohnmachtserfahrungen, die sie nur deshalb überleben konnten, weil sie tief vergraben und abgespalten sind, weil sie aus dem Bewusstsein gestrichen wurden. Das, was entfernt wurde, hinterlässt aber eine Leerstelle im Ich-Empfinden. Leere ist unerträglich und leblos. Ein Ersatzleben muss her. Eigenes Leben wird ersetzt durch falsches Leben. Ein mächtiges Überlebens-Ich übernimmt das Ruder.

 

Und ich vermute auch,

ein Großteil unserer gesellschaftlichen Eliten hat ein erhebliches Narzissmusproblem. Narzissten sind nicht nur geniale Blender, sie haben auch außerordentliche Talente und Begabungen, die sie nach oben pushen. Clevere Narzissten machen Karriere. Unser auf Konkurrenz und Wettbewerb ausgerichtetes Gesellschaftssystem fördert diese Form der Elitenbildung. Und doch sind viele Emporkömmlinge innerlich infantil geblieben. Unreif. Mit ihrem Erfolgsstreben, mit Machtdemonstrationen versuchen sie ihre wackelige innere Struktur zu bändigen. Viele „Große unserer Zeit“ - politisches Führungspersonal, wissenschaftliche, ökonomische, gesellschaftliche Eliten – sie sind besessen von einer verrückten Überzeugung: Der Gebrauch von Macht ist der perfekte Ausweg für alles. Alternativlos. Sie setzen auf alles oder nichts. Sieg oder Abgrund. Man kennt das aus der Geschichte. Es ist ein verheerender Irrweg. 

 

Ich hoffe,

der gesellschaftliche Wahnsinn unserer Tage hat nicht die Kraft, von Dauer zu sein. Ihm fehlt die Zuwendung zum Leben. Ihm fehlt das Wundersame. Und ich hoffe auch, dass die vielen „Kleinen“ aufwachen und doch noch groß und erwachsen werden wollen. Dass sie ihre Spaltungen bearbeiten wollen, dass sie sich befreien wollen. Dass sie sich verbünden, dass sie therapeutische Begleitung suchen, Unterstützungsangebote nutzen, um sich aus der destruktiven Umklammerung ihrer falschen Vorbilder zu lösen. Dass sie sehen können, wer die "falschen Großen" wirklich sind. Es lohnt sich, neues Leben zu wagen, realistisch auf die eigene Bindungs- und Beziehungsgeschichte zu schauen, um zu merken, welche Täuschungen von Leben daraus entstanden sind. Es geht um nichts Geringeres, als unbrauchbare Notlösungen aufzugeben, Liebesillusionen zu verabschieden und zu betrauern. Wir alle können unsere Überlebenskämpfe beenden und beginnen zu leben. Wir sind frei.

 

 

Freiheit ist kein absolutes Sein, sondern die Befreiung von dem, was kein Leben bringt. – Ortrud Grön