Wer bin ich in einer Paarbeziehung?

 

Wo ist der Ursprung der Paarliebe? Ich denke - das Wunder der Liebe beginnt bei Mutter und Kind. Ich fange also mit meinen Überlegungen ganz am Anfang des Lebens an. Hat ein Paar sich ein Kind gewünscht und ist es als Elternpaar auch fähig, liebevoll auf das Neugeborene einzugehen, dann fühlt sich das Kind gewollt, geliebt und gut versorgt. So entsteht beim Kind Sicherheit und Urvertrauen, die Grundlage für eine gesunde Identität. Ist die Mutter - das allererste Du im Leben eines Menschen - liebevoll, berechenbar und zugänglich, wird beim Kind ein sicheres Bindungsmuster entstehen können. Im späteren Leben haben diese Menschen ein gutes Gefühl zu sich selbst. Sie können bei sich sein. Sie fühlen, dass ihr Leben sinnvoll ist, dass sie selbst wertvolle Menschen sind, ohne dafür etwas leisten zu müssen. Sicher gebundene Menschen empfinden die Welt als einen sicheren Ort. Sie erleben, dass andere Menschen ihnen im großen und ganzen wohl gesonnen sind.

 

Wer sicher gebunden aufgewachsen kann, fühlt sich in Beziehungen sicher verbunden und kann sowohl gut alleine sein als auch nahe und intime Begegnungen leben und genießen. Es entsteht kein Bedürfnis, die andere Person zu kontrollieren, sicher gebundene Menschen sind nicht grundlos eifersüchtig, sie haben auch keine Angst ihren Partner zu verlieren, wenn sie schwierige Beziehungsphasen durchleben.  Konflikte können ohne Angst angesprochen werden. Nur unsicher gebundene Menschen brauchen beständige Harmonie als Sicherheit. Sie erleben Konflikte, Streit und disharmonische Phasen in einer Beziehung als Bedrohung. Leider haben viele Menschen unsichere Bindungsmuster. Das verursacht ihnen enormen Stress. Deshalb können sie sich nur schwer auf Nähe einlassen oder sie neigen dazu sich an den Partner zu klammern, Distanz können sie kaum ertragen.

 

Da eine Partnerschaft ja aus zwei Personen besteht, treffen u.U. zwei unsichere Bindungsmuster aufeinander und triggern sich gegenseitig an. Dies kann zu mehr Wachstum und Bewusstsein führen, wenn beide Partner sich entwickeln wollen, oder es führt zu Konflikten, die kaum noch lösbar, frustrierend und kräftezehrend für beide Seiten sind. Bindungsmuster sind übrigens sehr viel wichtiger und ausschlaggebender für eine Beziehung als das Geschlecht einer Person oder ob die Beziehung hetero- oder homosexuell gelebt wird.

 

Bindungsbeziehungen sind mit bestimmten Bedürfnissen verknüpft

Eine Partnerschaft beginnt damit, verliebt zu sein, doch kann sie nur wachsen, an Stabilität und Tiefe gewinnen, wenn beide Partner ihre wichtigsten Bedürfnisse in der Beziehung erfüllt bekommen. Ich weiß, dass es in Selbsthilfekreisen inzwischen in ist, zu glauben, dass wir uns letztendlich all unsere Bedürfnisse selbst geben können müssen. Mit Verlaub gesagt halte ich das für Unsinn. Es gibt Bedürfnisse, die wir uns einfach nicht selbst erfüllen können. Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir immer ganz autonom für uns selbst sorgen könnten. Menschen sind auf Kontakt, Verbindung und Gemeinschaft geprägt. Bildgebende Verfahren ermöglichen heute den Nachweis, dass selbst unsere Nervensysteme, unser Atem und unser Herz- und Hirnströme sich bei Kontakt verbinden und synchronisieren. In einer Partnerschaft gibt es Bedürfnisse, die wir gerne erfüllt haben möchten und es gibt Bedürfnisse, die wir unbedingt erfüllt haben müssen. Bedürfnisse, die sozusagen nicht verhandelbar sind.

 

Bedürfnisse sind innere Motivatoren, sie erzeugen Gefühle, die angenehm sind, wenn die Bedürfnisse erfüllt sind. Unangenehme Gefühle resultieren aus unerfüllten Bedürfnissen. Hier einige Beispiele für Bedürfnisse: willkommen sein, angenommen sein, sich zugehörig fühlen, sich sicher fühlen, Ruhe haben, Körperkontakt haben, gemocht werden, eigenständig sein, frei sein, kreativ sein, für sich sein u.v.m.

Ein Bedürfnis kann nie direkt erfüllt werden, sondern jeder Mensch hat seine persönliche Art, wie er sich dieses Bedürfnis erfüllt. Das Bedürfnis nach Ruhe erfüllt sich der eine, in dem er sich zurückzieht und liest und die andere, in dem sie im Wald spazieren geht. Das Bedürfnis nach Entspannung erfüllt sich der eine, in dem er Sport macht und die andere, in dem sie in die Sauna geht. Das Bedürfnis ist dasselbe, die individuelle Umsetzung kann sehr unterschiedlich sein, was zu Konflikten führen kann.

 

Gibt es nicht verhandelbare Bedürfnisse?

Ja – ganz eindeutig.

Es kann sein, dass du es schön findest, mit deinem Partner entspannende Dinge zu machen, aber das würdest du auch mit einer Freundin tun. Andererseits willst du unbedingt das, was dich innerlich beschäftigt mit deinem Partner besprechen. Du hast also das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Austausch und Zuwendung. Um das zu erreichen, führst du vielleicht ein langes Gespräch beim Spazieren gehen oder beim Frühstück. Fallen diese Gelegenheiten länger weg, fängst du an, dich nicht mehr so verbunden zu fühlen. Du bekommst Gedanken wie: andere Dinge scheinen für ihn wichtiger zu sein oder du fragst dich „liebt er mich überhaupt noch?“. Leise Zweifel schleichen sich ein und eine leichte Unzufriedenheit entsteht.

 

Wenn existentielle Bedürfnisse, wie das Bedürfnis nach einer bestimmten Qualität von Kontakt nicht mehr befriedigt werden, hat dies zur Folge, dass wir langsam beginnen auch bei anderen Dingen skeptisch zu werden. Oder wir sehen sie nun in einem anderen Licht. Dies kann mit der Zeit zu schwerwiegenden Konflikten führen, bei der manchmal beide Partner nicht verstehen, was eigentlich los ist oder wie sie an diesen Punkt in ihrer Partnerschaft gekommen sind.

 

Nirgendwo kommen unsere Verletzungen mehr zum Vorschein als in der Paarbeziehung

Eine Beziehung zu beginnen ist relativ leicht. Sie über lange Zeit glücklich zu führen ist wesentlich schwieriger. Eine Beziehung macht die Tür zu uns selbst weit auf und wir lernen uns auf eine Weise kennen, die uns alleine kaum möglich ist. Deshalb ist es wichtig zu wissen, „wer bin ich wirklich und was ist meine eigene Geschichte?“. In Beziehungen reagieren wir nämlich sehr stark auf frühe Verletzungen und Traumata. Unsere Partner sind aber nicht die Ursache unserer Gekränktheit, aber sie triggern unsere Erinnerungen an Kränkungen und Traumata. Je besser wir uns selbst kennen, je besser wir bei uns sein können, desto glücklicher werden auch unsere Liebesbeziehungen sein.

 

Beziehungen können auch enden. Geht eine Beziehung zu Ende – und manchmal ist es nicht nur sinnvoll sondern sogar notwendig, eine Beziehung zu beenden - dann lass das Beziehungsende nicht in Destruktivität ausarten. Als Beteiligte/r in einem  „Rosenkrieg“ erntest du nicht Blumen, sondern einen Haufen Müll und Bitterkeit. Das solltest du dir selbst nicht antun.

 

Und das sind einige Themen, an denen wir wachsen können, wenn wir bereit sind, den Kontakt zu uns selbst wieder herzustellen, wenn wir uns selbst fühlen und spüren können.

 

  • Herausfinden, was Liebe ist und was Liebe nicht ist
  • auf partnerschaftlicher Ebene kommunizieren, immer wieder Augenhöhe herstellen
  • Bindungsmuster kennenlernen und ihre Auswirkungen auf Beziehungen verstehen
  • Psychotraumata nicht ignorieren, sich therapeutische Hilfe holen
  • Bedürfnisse aussprechen, so dass mein/e PartnerIn auch Lust hat, diese zu erfüllen
  • Lernen über Sexualität zu sprechen, Sexualität lustvoll und verantwortungsvoll leben, anstatt sexuelle Gier anzustacheln
  • mit Konflikten konstruktiv umgehen, so dass sie die Beziehung stärken und nicht schwächen