Vom Umgang mit schwierigen Gefühlen

 

In diesem Text geht es um die emotionale Ebene. Ich möchte einen Weg beschreiben, der aufzeigt, wie man mit bestimmten Gefühlen konstruktiv umgehen kann.

 

Wenn wir schmerzliche Gefühle durchleben, können wir davon ausgehen, dass unsere Psyche nun nicht (mehr) in einem traumatisierten Zustand umher irrt. Auf den ersten Blick erscheint das ein wenig paradox. Wieso soll das Durchleben eines schmerzlichen Gefühls für innere Klarheit sorgen? Nehmen wir Trauer als Beispiel. Obwohl Trauer nicht als angenehmes Gefühl empfunden wird, signalisiert uns der Organismus, dass die Situation, in der wir uns gerade befinden, als  sicher eingeschätzt wird. Unser Organismus verfügt nämlich über einen inneren Kompass namens ICH, der diese Einschätzung zuverlässig vornimmt. Fühlen wir uns sicher, dann kann die Ich-Struktur eine Halt gebende Brücke zwischen Psyche und Körper herstellen. Mein Organismus ist mit mir selbst verbunden. Das bedeutet - ich bin also bei mir. Ich bin nicht mit Überleben oder sonst was beschäftigt.

 

Aus der Sicht des Nervensystems ist das BEI-SICH-SEIN ein physiologisch ganz anderer Zustand, als der Zustand einer TRAUMATISIERUNG.

 

Traumatisierten Menschen ist nicht geholfen, wenn man ihnen sagt, sie sollen viel meditieren oder einfach nur fühlen. Damit kann man sie in eine Retraumatisierung treiben. Das sollten alle Begleiter und Helfer wissen. Traumatisierte Menschen können (noch) nicht unterscheiden, was sie tatsächlich fühlen. Ihr Ich-Empfinden ist verschwommen, es ist überlagert von den Traumawelten und -gefühlen der Bindungspersonen aus der frühesten Kindheit. Fühlen bedeutet in so einem Falle immer: ich fühle mehr als ich ertragen kann, ich werde überschwemmt von intensiven und heftigen Gefühlen, die sich mit lange vergangenen Erfahrungen vermischen. Kinder versuchen in ihrer Not die Eltern zu retten. Natürlich geschieht das ganz unbewusst. Kein Mensch ist in der Lage, das Leid eines anderen zu tragen, geschweige denn zu bewältigen. Nur Kinder glauben das.  Sie identifizieren sich mit den Schwierigkeiten von Mama und Papa, um den Kontakt mit ihnen sicherzustellen. Damit tauchen sie unweigerlich in deren Lebens- und Gefühlschaos ein. Wonach sie suchen und was sie brauchen ist Bindungssicherheit und Bindungsliebe.

 

Jemand, dessen frühe Traumata (noch) nicht geheilt worden sind, der aktiviert (unbewusst) sogenannte Überlebensstrategien. Das passiert in der Regel dann, wenn überwältigende Gefühle aufsteigen wollen. Der Organismus signalisiert Gefahr. Sofort meldet sich eine Ersatz-Ich-Struktur, die manche Menschen auch Ego nennen. Diese Struktur schützt die Psyche vor Überlastung, indem Teile der Wirklichkeit ausgeblendet werden. Das Gehirn reduziert auf diese Weise die Komplexität der Lage. Täuschungen und Liebesillusionen können nun unser Verhalten bestimmen.  Überzeugungen, die wir bereits in frühen Lebensjahren entwickelt haben, werden wirksam. Es sind dies Notprogramme, die uns einst geholfen haben zu überleben. Das ist an sich gut, denn sonst hätten wir es nicht geschafft. Das Problem dabei ist, dass frühkindliche Traumata  von der Psyche nicht als etwas Vergangenes erkannt werden können. Und weil nicht geheilte Traumata zeitlos sind, erzeugen sie in unserem Inneren immer wieder schädliche Täter-Opfer-Haltungen. Manchmal können sie sogar zu schweren körperlichen oder psychischen Erkrankungen führen, bis hin zur Suizidalität. 

 

Diese Unterscheidung - gesunde Gefühle vs. Traumagefühle - ist wichtig, wenn man Heilung sucht. Wir müssen in der Lage sein zu erkennen, ob wir uns in einem gesunden oder in einem traumatisierten Modus befinden. Ist der Organismus nämlich übererregt, erstarrt oder sogar kollabiert, dann wollen wir entweder fliehen, kämpfen oder wir geben uns selbst auf.

 

Ganz anders ist die Situation zu beurteilen, wenn wir fühlen können - was ist - wenn wir nicht ausweichen, wenn wir nicht dagegen ankämpfen müssen, wenn Gefühle sich melden. Starke Gefühle wie beispielsweise Einsamkeit, Wut oder Traurigkeit dürfen dann in uns aufsteigen. Gefühle sind zum Fühlen da. Und das ist gesund, denn Spüren und Fühlen fördert die psychische Entwicklung. Immer dann, wenn wir unsere eigenen Gefühle fühlen, wenn wir ganz bei uns sind, ist Fühlen etwas Gutes, etwas Gesundes.

 

Dies zur Einleitung und zur Unterscheidung der beiden Ebenen: Gesunde Gefühle vs. Traumagefühle.

 

Nun im Detail ein Weg zum Umgang mit den Gefühlen: Wenn ich emotional leide, bedeutet das, dass ich etwas an die Umgebung weiter reiche, weil ich nicht ganz bei mir bin. Und ich halte das, was ich auf andere Menschen oder Dinge übertrage, für real. Am Beispiel Einsamkeit könnte das so aussehen, dass ich den Gedanken denke, dass niemand im Außen da ist und ich mich deshalb einsam fühle: „Die Situation im Außen ist schuld an meinem Leidenszustand. Wenn jemand da wäre, würde das Leiden verschwinden.“ Und dieses Konstrukt hält man dann für wahr und real. Die natürliche Tendenz der meisten Menschen ist, dass sie versuchen im Außen eine Lösung zu finden. Sie gehen auf Kontaktsuche. Sie suchen die Lösung in der Beziehung mit jemand anderem.

 

Tatsächlich gibt es aber gar keine ursächliche Verbindung zwischen dem emotionalen Zustand und der Außenwelt. Der erste Schritt, den wir gehen können, ist, die Übertragung zurück zunehmen. Das bedeutet, ich muss mich von einer Illusion verabschieden. Sprich, ich suche die Ursache meiner Schwierigkeiten nicht mehr im Außen. In einem zweiten Schritt richte ich meine Aufmerksamkeit nur auf das Gefühl in mir. Ich distanziere mich von allen Bildern und Gedanken, die mir eine Ursache im Außen vorgaukeln. Statt dessen fühle ich, was jetzt in mir ist und suche den Kontakt zu meinem Körper. Dabei versuche ich zu spüren, wo in meinem Körper dieses Gefühl lokalisiert ist. Dann löse ich mich davon wieder und suche einen Bereich der sich weit, offen und frei anfühlt. Das kann im Kopfbereich sein, es kann im Herzbereich sein, ganz egal wo. Es geht um den Ort, der sich am besten anfühlt, wo wir die meiste Energie und Lebendigkeit haben. Jeder von uns hat einen solchen Bereich. Es kann auch das linke Ohrläppchen sein. Darauf richte ich nun meine volle Aufmerksamkeit. Ich erfahre bei diesem Vorgang einen angenehmen Zustand, das Leiden tritt in den Hintergrund.

 

Ich bin nun mit beiden Bereichen vertraut, dem emotionalen Leiden und einem weiten und eher leidfreien Zustand. Jetzt geht es darum, sich vorsichtig mit beiden Bereichen zu verbinden, d.h., ich richte die Aufmerksamkeit gleichzeitig auf das Gefühl der Verlassenheit und den Bereich, der sich weit an fühlt. Man erfährt beide Qualitäten gleichzeitig. Es geht darum, auf dieser Brücke zu balancieren und tatsächlich nichts zu machen. Sobald die Brücke sicher steht, beginnen sich die negativen Emotionen relativ schnell zu verflüchtigen. Man braucht nur zu warten. Da negative Gefühle letztlich aus aufgestauter Energie bestehen, wird diese Energie dadurch frei und man erfährt Freude, Heiterkeit und Freiheit. Es ist wirklich einfach, nur etwas Übung braucht es, um in den inneren Räumen zu navigieren. Dazu ist kein Heiler notwendig, kein Therapeut, keine Medikamente, ja nicht mal eine heilsame Umgebung wie die Natur.

 

ICH bin genug. Alles, was ich brauche, um Leiden zu überwinden, ist in mir.