Was passiert bei einer Trennung?

Trennungen

sind mit starken und ambivalenten Gefühlen verbunden. Manchmal mischt sich ein chaotischer Gefühlscocktail dazu, der nicht zur aktuellen Situation gehört. Man fühlt sich abwechselnd wütend, ohnmächtig und hilflos. All diese Empfindungen können Begleiterscheinungen einer Trennung sein. Starke Gefühle sind an sich schon eine Herausforderung. Doch in der Regel können wir damit klar kommen. Gefühle kommen und gehen. Wir verfügen über das Repertoire, auch mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Die Aufs und Abs in unserem Inneren gehören zum normalen Leben. Trotzdem kennen wir auch Momente, die wir gefühlsmäßig als überwältigend erleben. Der toxische Stress, der dann entsteht, wird nicht weniger sondern mehr. Wir können ihn nicht loswerden. In solchen Situationen geht es nicht, dass wir unsere Gefühle einfach so zulassen. Wir erstarren und reagieren dann entweder gar nicht oder sehr unpassend, oft überzogen, sogar unsere körperliche Funktionen können entgleisen.

 

Ich glaube, dass wir keine andere zwischenmenschliche Katastrophe mehr fürchten, als die Erfahrung, von einem geliebten Menschen verlassen zu werden. Wurde unser Vertrauen in diese Person erschüttert, dann bleiben wir tief enttäuscht und verunsichert zurück. Wir können nicht verstehen, wie es dazu kommen konnte und hoffen, dass alles wieder gut wird. Die drohende innere Einsamkeit und die aufkommende Leere versuchen wir zu vertreiben. Wir lenken uns ab, so gut wir können.

 

So richtig kritisch wird es, wenn die Erfahrung von Ich-bin-im-Stich-gelassen-worden auch noch mit Todesängsten verknüpft ist. So eine Kombination ist vielleicht das Existenziellste, das wir Menschen erleben können. Existenzielle Gefühlszustände führen uns unweigerlich an den Beginn unseres Lebens zurück. Sie haben damit zu tun, dass wir in einer Zeit, in der wir am abhängigsten und hilflosesten waren, überwältigende Erfahrungen machen mussten.

Das ist heute gesicherte Erkenntnis: Ein Baby, das seine Mutter emotional nicht erreichen kann, erleidet Todesängste. Es muss diese Ängste aber unterdrücken, um überleben zu können. Es würde sonst an seiner eigenen Übererregung sterben. Ein wahrer Supergau für die Spezies Mensch. Wir haben in so einem Fall keine Wahl. Wir müssen uns spalten, wir müssen die natürliche Einheit von Körper und Psyche aufgeben, um psychisch und physisch überleben zu können. Ins Unbewusste verlagert werden aber nicht nur bedrohliche Ängste, auch der Zugriff auf unsere gesamte Gefühlwelt wird eingeschränkt und blockiert. Unsere eigenen Bedürfnisse sowie wesentliche Aspekte unserer Persönlichkeit müssen wir preisgeben. Sie müssen dem Überleben geopfert werden.

 

Was passiert da? Wie kann es so etwas geben? Was wir dazu wissen, was auch wissenschaftlich gesichert ist, ist Folgendes: Unsere Psyche aktiviert ein Notfallprogramm.

 

Kinder brauchen eine Mutter, die zuverlässig und emotional haltgebend für sie da ist. Weil ein Kleinstkind ohne Kontakt und Bindungssicherheit nicht überlebensfähig ist, verbindet es sich zwangsläufig mit dem, was da ist. Und das sind oft die Gefühlswelten einer traumatisierten Mutter. Bereits vorgeburtlich kann dies geschehen. Eine Mutter, die emotional nur schwer erreichbar ist, die im Kontakt mit dem Kind innerlich immer wieder wegdriftet, vielleicht, weil sie krank ist oder überfordert, weil sie ängstlich ist, weil sie depressiv ist, was immer ... so eine Mutter kann ihr Kind nicht richtig lieben.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie ihr Baby äußerlich bestens versorgt, dass sie es gut füttert, es badet, regelmäßig wickelt und hübsch anzieht. Weil Kontaktlosigkeit unerträglich ist, muss das Kind sich mit der Lage irgendwie arrangieren. Was hilft dem Kind in seiner Not? Es hilft sich selbst, indem sein kleiner Organismus ein psychisches Notfallprogramm startet. Ich nenne diesen spontan-kreativen Akt: „The gift of love“. Das Kind ist bereit seine ganze Liebe zu geben. Bedingungslos. Es beruhigt mit seiner Liebe das defizitäre Wesen der Mutter. Sein eigenes Bedürfnis nach Liebe drückt es weg. Liebe, die nicht gelebt werden kann, geht unter. Auf diese Weise vereinnahmt die Mutter das Kind für sich und ihre Bedürfnisse. Unbewusst benutzt sie ihr Baby für das, was sie für sich braucht, was ihr fehlt. Die Mutter merkt nicht, was das Kind braucht. Sie kann nicht klar unterscheiden zwischen Ich und dem Kind. Sie weiß nicht, wer sie ist. Das Kind liebt seine Mutter. Es hält die mütterliche Vereinnahmung für Liebe und nimmt diese Erfahrung in sich auf. Etwas anderes kennt es nicht.

 

In erster Linie bedeutet eine traumatisierte Mutter zu haben, keine Spiegelung für sich selbst zu bekommen. Es bedeutet ein Stück weit, dass es eine Leere in der Mutter gibt, die dazu führt, dass sie zwischen Du und Ich nicht unterscheiden kann. Sie nimmt das Kind lediglich als Teil ihrer Selbst wahr und kann nicht sehen, wo das Kind anders ist als sie, oder sie kann es nicht zulassen. Man nennt das auch narzisstisch. Denn die Mutter kann nicht sehen, dass das Kind andere Bedürfnisse hat als sie, dass das Kind in eine andere Entwicklung geht. Eigentlich ist das Kind nur da, um die eigene Person zu spiegeln, zu bestätigen oder aufzuwerten. Im Grunde sollen damit die Bedürfnisse der eigenen Person befriedigt werden.

 

Durch eine Bindungsperson, die nicht lieben kann, erleidet das Kind ein Trauma der Liebe. Was bedeutet, das Kind wird schon ganz früh gezwungen, Teile seines Wesens, Aspekte seiner Persönlichkeit aufzugeben. Wenn das Kind Pech hat, kommen später auch noch die Traumawelten des Vaters hinzu. Traumatisierte Frauen suchen sich meist auch traumatisierte Männer. So entsteht das Drehbuch für eine Generationen übergreifende Bindungstragödie. Über elterliche Spiegelung prägen Mutter und Vater die Ich-Entwicklung des heranwachsenden Kindes. Die Ausbildung der kindlichen Identität, die Ich-Werdung wird geschädigt. Das Kind glaubt, was es fühlt. Nein, es muss sogar glauben, all das - das bin Ich und auf dieser Basis ein Liebeskonzept entwickeln, das es als Blaupause für alle wichtigen Beziehungen im Leben anwenden wird.

 

Unsere Eltern waren die, die sie waren, lange bevor wir gezeugt wurden. Wir Kinder sind nicht die Ursache ihrer Schwierigkeiten, sondern müssen begreifen, dass ihr Leid ihnen gehört. In gewissem Sinne hat es nichts mit uns zu tun, mit Ausnahme der Tatsache, dass es Konsequenzen für uns hatte. Diese Realität anzuerkennen braucht Zeit und hilft, das Warum der Dinge zu verstehen: Warum bin ich so, wie ich bin? Warum war meine Mutter so, wie sie war? Und mein Vater? Das zu verstehen ist entscheidend. Vielfach fehlt in konventionellen Therapien dieses grundlegende Verständnis. Die Dinge entstehen nicht aus dem Nichts. Es gibt immer einen logischen Hintergrund und ein Teil des Heilungsprozesses besteht darin, ein realistisches Bild zu den Ursachen und Umständen zu bekommen.

 

Je früher im Leben kindliche Bindungs- und Kontaktbedürfnisse ins Leere laufen, desto gravierender sind die gesundheitlichen Auswirkungen für das gesamte Leben. Die schädlichen Folgewirkungen zeigen sich aber oft erst im späteren Erwachsenenalter. Lange versunkene Traumagefühle tauchen plötzlich wieder auf. Speziell dann, wenn sich Lebenssituationen ereignen, die der Ursprungssituation irgendwie ähneln. Wenn zB unsere Liebe nicht erwidert wird, wenn unser Vertrauen in den geliebten Menschen enttäuscht wird. Wenn wir eine Trennung erleben.

Das, was du vielleicht gerade mitmachst, nämlich die Aktivierung eines Bindungstraumas, ist im Übrigen gar nicht so selten wie man landsläufig annimmt. Ich meine sogar, es ist fast die Norm. Sehr viele Menschen sind in ihren frühen Bindungsbedürfnissen traumatisiert worden. Man muss nur daran denken, was der II. WK, was der Nationalsozialismus angerichtet hat. An den Folgen haben wir immer noch zu leiden. Doch nur wenige wollen das wissen und anerkennen. Sie haben Angst davor, mit ihren Gefühlen in Kontakt zu kommen. Und so bleiben diese frühen Verletzungen abgespalten, so lange, bis sich jemand (nämlich eine Instanz namens ICH) ernsthaft um sie kümmert. In der Zwischenzeit übernimmt der Körper stellvertretend die Regie im Leben und signalisiert mit Schmerzsymptomen, dass die Traumata gesehen, anerkannt und geheilt werden wollen. So lange Betroffene das nicht wahrhaben wollen, müssen sie weiter kämpfen, in alten und neuen Beziehungen das Drama wiederholen, andauernd zu Ärzten rennen, mit dem Schicksal hadern und vor allem - leiden.

 

Die Art und Weise wie wir lieben, sogar welchen Typus von Mensch wir uns aussuchen, hat mit unseren Eltern, mit unseren ersten Bindungspersonen zu tun. Wir alle möchten glauben, dass das, womit wir uns am Anfang unseres Lebens inniglich verbunden haben, gesunde Liebe war. Im Grunde war es ganz oft traumatisierte Liebe. Auf diese Weise entstehen mächtige Liebesillusionen.

Vielleicht kannst du erkennen, dass eine Liebesbeziehung, die du viele Jahre gelebt hast, von Anfang an geprägt war von einer Überlebensstrategie, die du aus deiner Herkunftsfamilie mitgebracht hast. Im Grunde weißt du es längst schon. Die Trennung war nur der Auslöser für deine Schmerzen. Für deine Symptome, für das, was dein Körper dir sagen möchte: Bitte kümmere dich jetzt um mich und meine Bedürfnisse! Um mich! Nicht um andere Menschen oder andere Dinge.

 

Wenn wir etwas verstehen können, dann können wir es auch verändern. Wir können mit der Zeit Illusionen verabschieden, weil wir den psychischen Schmerz nicht mehr um jeden Preis vermeiden müssen. Wir sind erwachsen geworden und können wählen. Wir können damit aufhören, uns mit allen möglichen Aktivitäten von uns selbst abzulenken. Das macht uns frei und hilft uns dabei, unsere gesunden Bedürfnisse, unser eigenes Potenzial wieder zurückzuholen. Wir können lernen, was Liebe wirklich ist und herausfinden, wer wir wirklich sind. Veränderung braucht Zeit und geht nur in kleinen Schritten, nicht schnell und auch nicht sofort. Aber – es geht! Wir müssen uns helfen lassen. Alleine schafft man das nicht. Das ist der erste Schritt.

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